Sport – Lust oder schon Sucht?

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Bewegung, Training, Sport – all diese Begriffe stehen eigentlich für einen positiven Lebensstil. Es gibt nichts, das förderlicher für die Gesundheit ist als Sport, so höre ich allgemein. In der Tat kommen einem schnell mal Sprüche über die Lippen wie „Ich muss mich täglich auspowern“ oder „Ein Leben ohne Sport kann ich mir nicht vorstellen“ – doch was, wenn es zu viel des Guten ist? Viele Menschen bedenken gar nicht, dass exzessiv Sport treiben wirklich zu einer Sucht werden kann. Ich weiß nicht, ob Sie schon einmal die vielen Gestalten im Fitness-Studio bemerkt haben, deren Muskeln wie aufgepumpt wirken. Einige von diesen „Sportstudio-Bewohnern“ scheinen sogar mehrmals am Tag oder sogar in der Nacht zu trainieren. Gruselig! Sportsucht ist jedenfalls alles andere als auf die leichte Schulter zu nehmen. Doch wie können wir erkennen, ob jemand den schmalen Grad zwischen Lust und Sucht schon überschritten hat?

Joggerin

Früh morgens bei Wind und Wetter zu joggen – ist das normal?

 

Wieso ist Sportsucht so schwer zu erkennen?

Ist schon seltsam. Drogensucht oder Spielsucht ist doch relativ leicht festzustellen. Warum ist das bei der Sportsucht anders? Sportpsychologe Dr. Heiko Ziemainz von der Universität Erlangen-Nürnberg weiß es auf den Punkt zu bringen: „Sport ist so positiv besetzt, dass es niemand für möglich hält, dass er überhaupt zu einem Problem, geschweige denn zur Sucht werden kann.“ Der unbändige Drang, die Sucht, sich richtig auszupowern, zählt erst seit kurzem zu den anerkannten Verhaltenssüchten wie Kaufsucht, Arbeitssucht oder Spielsucht. Der Sportsoziologe Robert Gugutzer, Professor an der Frankfurter Goethe-Universität, ergänzt: „Sportsucht ist gewissermaßen die Kehrseite des hohen gesellschaftlichen Stellenwerts von Sportlichkeit. Wer viel Sport treibt, zeigt Leistung und bekommt Anerkennung. Daher wird oft nicht wahrgenommen, wenn das gesunde Maß überschritten ist – weder von den Betroffenen noch vom Umfeld.“

Kein Wunder, denn das Phänomen an sich ist von der Fachwissenschaft noch kaum erforscht.

Gibt es Kriterien, um Sportsucht zu diagnostizieren?

Daher ist es auch schwierig, zwischen einer richtigen Sportsucht und einer starken, normalen Sportbindung zu unterscheiden. Dennoch gibt es ein paar Anhaltspunkte, die eine Gefährdung für Sportsucht anzeigen:

  • Wenn Sport nicht aus Spaß, sondern aus Pflichtgefühl betrieben wird, das einen quälend begleitet.
  • Wenn das soziale Umfeld wie Familie und Freunde zugunsten von Sport stark vernachlässigt wird. Vor allem, wenn das Arbeitsleben darunter leidet und Sport zum einzigen Lebensinhalt wird.
  • Wenn der Körper des Sportlers deutlich Überforderung zeigt, er das Pensum aber trotzdem stetig steigert.
  • Wenn sich Entzugserscheinungen bei einer Zwangspause (Zeitmangel, Verletzungen) zeigen wie starke Nervosität, extreme Stimmungsschwankungen oder Schlafstörungen.

Sportsucht ist noch kein Massenphänomen – aber ein steigender Trend ist zu erkennen. Also Augen auf, was Ihr nahes Umfeld betrifft. Übrigens tendieren viele Betroffene dazu, das Problem als Banalität abzutun oder das Ganze zu verheimlichen.

Wie gefährlich ist Sportsucht?

Sportsucht birgt in jedem Fall ein hohes Gesundheitsrisiko. Ein Sportsüchtiger geht nämlich auch trainieren, wenn er verletzt oder krank ist. Welche Konsequenzen er dann zu tragen hat, ist ihm Schnuppe – es geht nur darum, an den „Suchtstoff“ zu gelangen! Laut Experten ist darum auch die Einnahme von Schmerzmitteln in einem gewissen Stadium weit verbreitet.

Bemerkenswert ist vor allem, dass immer mehr ältere Personen zwischen dem 40. und 60. Lebensjahr exzessiv Sport treiben. Professor Gugutzer hat auch gleich eine plausible Erklärung parat: „Lebenskrisen wie Trennung, Jobkrisen, Bewältigung einer schweren Krankheit, Angst vor Leistungsverlust und dem Altern können Auslöser für dieses extreme Verhalten sein.“ Wie dem auch sei, eigentlich geht es allen Betroffenen um die Stiftung von Selbstwert, von Identität – der Sport ist lediglich Mittel zum Zweck.

Chefärztin Dr. Silke Naab vom Schön Klinik Roseneck für psychische und psychosomatische Erkrankungen berichtet Schockierendes: „Wir sehen Patienten, die zur Leistungssteigerung ihr Gewicht reduziert und darüber eine Essstörung entwickelt haben. Ein anderer Teil hat erst im Rahmen einer Essstörung ein pathologisches Bewegungsverhalten als gezielte Möglichkeit der Gewichtsreduktion und -kontrolle entwickelt.“ Knochenbrüche, Herzversagen und Organschäden sind die Folgen von extremem Training und mangelhafter Ernährung, um nur einige zu nennen.

Welche Sportarten besitzen Suchtpotential?

Einige Fachleute glauben, dass ca. ein Prozent der Sportler in Deutschland von Sportsucht betroffen ist. Im Fitnessbereich ist die Dunkelziffer allerdings wesentlich höher. Gugutzer hebt hervor: „Gerade im Extremsport nehmen Sportarten, in denen ein Suchtpotenzial steckt, zu.“ Anscheinend zeichnet sich auch bei den Ausdauersportarten Laufen und Radfahren eine hohe Suchtgefahr ab. Außerdem gilt: Im Muskelsport sind eher Männer, im Fitnessbereich eher Frauen gefährdet.

Grundsätzlich kann Sucht aber bei jeder Sportart entstehen: Denn bei jeder Art von körperlicher Betätigung wird der Glücksboten-Stoff Dopamin ausgeschüttet – daher zieht ein Entzug auch körperliche und geistige Entzugserscheinungen wie Kopf- und Magenschmerzen sowie Depressionen mit sich.

Wo ziehe ich die Grenze zwischen Lust und Sucht?

Okay, wie kann ich aber beurteilen, dass die Grenze zur Sportsucht schon überschritten ist? Pauschalisieren lässt sich hier nichts, denn das Trainingspensum kann von Mensch zu Mensch äußerst unterschiedlich ausfallen. So muss nicht jeder Jogger, den wir morgens um 6 Uhr auf der Straße sehen, gleich ein Sportjunkie sein. Im Gegenteil, es ist höchst vorbildlich und positiv, solch ein gelungenes Zeitmanagement zu betreiben, um Sport, Privatleben und Job unter einen Hut zu kriegen.

Eigentlich ist es für jeden relativ einfach, sich selbst zu testen: Sie müssen nur eine Trainingspause einlegen und sich in dieser Phase kritisch selbst beäugen. Es kommt nicht darauf an, dass Ihnen nicht wohl dabei ist, sondern dass Sie den Entzug ca. 3 Tage durchhalten ohne Amok zu laufen oder dem Sportdrang nachzugeben. Denn die Grenze zur Sucht ist die Kontrolle über den Bewegungsdrang: Verlieren Sie diese Kontrolle, dann haben Sie die Grenze bereits überschritten. In diesem Fall sollten Sie dann Rat und Hilfe bei Ihrem Hausarzt oder gleich beim Psychotherapeuten suchen.

Doch in die Falle der Sportsucht werden Sie nicht tappen, wenn Sie immer wieder Ihr Leben und Ihr Verhalten reflektieren. Denken Sie also daran: Sport ist wirklich Mord – wenn Sie es übertreiben!

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